Access Keys:
Skip to content (Access Key - 0)

Toggle Sidebar
(November 2007) Diesen Sommer beglückte uns eine Independent-Premiere im Babylon-Kino zu Berlin: ein verschollener Nazi-Plan, eine Gitarre und jede Menge finsterer Gesellen, die nacheinander fröhlich ins Gras beißen. Thomas Wind, Mastermind hinter dem Projekt "GUITAR MEN - The Darkest Secret of Rock ´n Roll", gab uns freundlichst Auskunft.

 

FM: Wie entstand die Idee zu „GUITAR MEN“? Wer waren die treibenden Kräfte?

Thomas Wind: Zusammen mit meinen Kollegen Werner Bednarz (Cutter) und Michael Redolfi (Kameramann) leite ich die kleine Filmproduktion KILLING PICTURES. Ich selbst bin ebenfalls ausgebildeter Kameramann. Neben unserer fast 20jährigen Tätigkeit für andere Produktionen gründeten wir vor einigen Jahren die KILLING PICTURES PRODUCTION in erster Linie um Filme zu produzieren, bei denen wir bzgl. künstlerischer Freiheit und Kreativität federführend sind. So entstand zunächst die Dokumentation FÜR EIN PAAR FILME MEHR, gefolgt von einigen Musikvideos und Werbespots. Nachdem ich bereits bei einigen Spots von der Kamera ins Regiefach wechselte, bekam ich immer mehr Lust darauf, bei einem eigenen Langfilm Regie zu führen. Als ich Werner und Michael im Februar 2005 den Vorschlag unterbreitete, eine Hommage an die B-Movies der 60er und 70er Jahre zu produzieren, stieß ich sofort auf Begeisterung für diese Idee. Werner ist genau wie ich seit Kindheitstagen begeisterter Konsument von Exploitation – Filmen dieser Ära.
Michael reizte, wie mich selbst auch, vor allem, sich bzgl. der Bildgestaltung an den Handkameraaufnahmen von Low Budget-Actionfilmen, Eastern und Italo-Western der 70er mit langen Brennweiten zu orientieren. Die Sets sollten einen Retro - Look bekommen, wobei sich die Lichtgestaltung eher an aktuellen asiatischen Filmen und zum Teil auch an französischen Filmen der 80er orientiert.
Um eine Story zu entwickeln, schrieben wir unabhängig von einander auf, welche Elemente wir gerne im Drehbuch hätten. Das Ergebnis waren unter anderem Stichworte wie ELVIS, MOTORRADBRÄUTE, NINJAS, COWBOYS, KILLER. In den folgenden 10 Monaten entstand aus diesen Eckpfeilern das Drehbuch zu GUITAR MEN.

FM: Der Film enthält viele Anspielungen an Genre- und Trash-Filme der 60er und 70er-Jahre. Sind das persönliche Einflüsse? Gibt es „historische“ bzw. gegenwärtige Vorbilder bei Regisseuren und Werken?

Thomas Wind: Natürlich fließen, wenn man eine Hommage an eine bestimmte Art von Filmen dreht, Elemente aus eben diesen ein.
GUITAR MEN erweckt beim Zuschauer zwar den Eindruck, vieles genau so schon einmal gesehen zu haben, kopiert aber in Wirklichkeit nie Szenen anderer Filme, sondern verwendet unterschiedliche Elemente aus persönlichen Lieblingsfilmen und Genres um daraus neues zu entwickeln.
Vorbild für COOPER, den Killer aus Arizona z.B. ist JOE DON BAKER in seiner Rolle als Mafia - Hitman in dem Film CHARLEY VARRICK (Dtsch. Titel DER GROSSE COUP,USA 1973, Regie:DON SIEGEL). COOPER ist bzgl. Typ, Kostüm und Charakter eine nahezu perfekte Kopie. Es gibt aber keine Szene mit ihm, die zu vergleichen wäre mit einer aus CHARLEY VARRICK.
Ein anderes Beispiel ist die Szene in der die Stasi-Agenten KRÜGER und DUMSCHKE, auf die Killer-Priester treffen. Dramaturgie und Kameraeinstellungen orientieren sich hier am Italo-Western, während Kostüme und Look der Bilder angelehnt sind an die DDR-Spielfilme der 70er Jahre, mit ihrem speziellen Orwo – Color Look. Die Szene verdeutlicht außerdem das GUITAR MEN eine Komödie ist, denn während die Italo-Western Elemente hier sehr reduziert und zurückhaltend eingesetzt wurden, machen die extrem überzogenen Anleihen von DDR - Produktionen die Figuren der Szene zu Karikaturen.
Gegenwärtige Vorbilder, bzw. eine Orientierung an aktuellen Filmen gibt es nicht.
Dass mit GRINDHOUSE fast zeitgleich zu GUITAR MEN eine High Budget Produktion von TARANTINO und RODRIGUEZ erscheint, welche ebenfalls die B-Movies der 70er würdigt, ist Zufall. Als Anfang 2005 die Idee und das Drehbuch zu GUITAR MEN entstanden, war ja über die Entstehung von GRIND HOUSE noch gar nichts bekannt.

FM: Euer Film ist erstaunlich professionell und sehr hochwertig gedreht. Welches Equipment wurde verwendet? Wie wurden die Kosten gedeckt?

Thomas Wind: Nun, da wir alle Profis sind, wäre es ja auch tragisch, wenn dem nicht so ist! Leider werden NoBudget-Filme und B–Movies meist automatisch gleichgesetzt mit einer schlechten technischen Umsetzung, was sicher manchmal zutrifft, aber keineswegs als Regel anzusehen ist.
Gedreht wurde im HD-Format, das ja inzwischen auch bei diversen internationalen Großproduktionen eingesetzt wurde (SKY CAPTAIN AND THE WORLD OF TOMOROW, SIN CITY usw.)
Gegenüber der Produktion auf 35mm-Film entfallen hier die nicht unerheblichen Kosten für Filmmaterial und Kopierwerk. Kosten für Kamera, Licht etc. reduzieren sich allerdings leider durch diese Entscheidung nicht. Ein weiterer Vorteil der Produktion im HD Format ist aber, dass die Postproduction am digitalen AVID-Schnittplatz ohne kostenintensive Abtastung eines 35mm-Negativs erfolgt.
Nachdem die erhoffte Filmförderung für GUITAR MEN ausblieb, standen wir vor der Entscheidung, die Produktion sterben zu lassen, oder aber die Produktionskosten irgendwie selbst aufzubringen. Nachdem wir uns als Produzenten nicht unerheblich verschuldeten und der gesamte Stab bereit war, ohne Honorar am Film zu arbeiten, konnten wir schließlich doch noch drehen.

FM: 70 Minuten Spielzeit sind für einen LowestBudget-Streifen eine äußerst pralle Packung. Wie lange dauerten die Dreharbeiten und wie aufwändig war die Nachbearbeitung?

Thomas Wind: Nach zehn Monaten Drehbuchschreiben und weiteren sieben Monaten Vorbereitung wurden alle Aufnahmen im August 2006 in 20 Tagen abgedreht. Da wir uns nach Abschluss der Dreharbeiten auch wieder anderen Produktionen zuwenden mussten, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, erfolgte die Nachbearbeitung des Films vornehmlich nachts an durchschnittlich vier Tagen pro Woche. Die gesamte Postproduction dauerte von September 2006 bis Juni 2007. Einen erheblichen Anteil daran hatten das Sounddesign und die Komposition des wundervollen Soundtracks von Michael Mohr. Besonders wichtig war mir dabei die Orientierung an Filmmusik zu Agentenfilmen der 60er Jahre und Komponisten wie John Barry, Jerry Goldsmith oder Lalo Shifrin.

FM: Der Streifen spielt für eine Independent-Produktion an überraschend vielen Sets, innen wie außen. Wo wurde gedreht? Wie bekam man die Genehmigungen?

Thomas Wind: Alle Aufnahmen sind in Berlin entstanden. Besonders hohen Wert legten wir bei der Drehortsuche auf Locations, die Drehorte wie Hong Kong oder den Vatikan glaubhaft darstellen sollten. Entsprechende Sets zu finden war zeit- und kostenintensiv. Für Drehgenehmigungen fielen zum Teil die gleichen Kosten wie bei Produktionen mit hohem Budget an. Gute Kontakte und die fantastische Arbeit unserer Szenenbildnerin Nicole Heidel konnten aber bei einigen Sets für Innenaufnahmen die Kosten gering halten. Aus einem kahlen weißen Raum in einem ehemaligen Postamt entstand beispielsweise durch Entwurf und Umsetzung der Szenenbildnerin ein authentisches Zimmer eines Stundenhotels in Hong Kong. Die Lichtgestaltung des Oberbeleuchters Moritz Martin perfektionierte schließlich die Illusion.

FM: Im Gegensatz zu den „Machern“ sind die Schauspieler grötenteils  Laiendarsteller. Wurden die Darsteller gecastet oder aus dem Bekanntenkreis direkt ans Set rekrutiert?

Thomas Wind: Nicht alle Schauspieler sind Laien! Gerhard Gutberlet, der Darsteller des AMMERING bspw. ist Profi und vor allem aus diversen TV-Produktionen bekannt, und mit Ed Zacharias konnten wir für die Rolle des KARDINALS einen Schauspieler gewinnen, der in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren in vielen Genreproduktionen (KISS MY BLOOD, DER TODESKING, NEKROMANTIK 2, SCHRAMM...) spielte. Tammi Torpedo, der Darsteller des COOPER, kann zurückblicken auf Schauspielunterricht und Bühnenerfahrung, U.Rabbit, die DEBORAH LEVIN verkörpert, lernten wir als Darstellerin in einem Musikvideo und einem Werbespot kennen, welche wir produzierten. Weitere Darsteller sind zwar nicht hauptberuflich als Schauspieler tätig, verfügen aber über Bühnen- Film- und Fernseherfahrung als Kleindarsteller. Auf einschlägigen Seiten der Branche im Internet schalteten wir Anzeigen bzgl. der Besetzung. Teilweise kam so der Cast zusammen, teilweise besetzten wir - wie bereits gesagt - mit Darstellern, die uns schon aus früheren Produktionen bekannt waren. Es wäre durchaus möglich gewesen, den Film komplett mit Profis zu besetzen, zumal sich auch einige bekannte deutsche Schauspieler interessiert zeigten. Ich wollte aber auf zu bekannte Gesichter verzichten, um den Eindruck eines international produzierten B-Movies und eines für deutsche Verhältnisse neuartigen und ungewöhnlichen Spielfilms zu unterstützen. Bewusst setzten wir auch stellenweise absolute Laien ein, um eine ganz spezielle Art realer Komik in bestimmten Szenen zu erzielen, wie es z.B. auch in frühen Werken Klaus Lemkes (ROCKER, MOTOCROSS; ARABISCHE NÄCHTE...) der Fall ist, die ich sehr schätze.

FM: Den Traum vom eigenen Film hegen viele Cineasten. Gibt es Tipps für Interessierte und Ambitionierte? Was sind die klassischen Stolperfallen bei Independent/NoBudget-Produktionen?

Thomas Wind: Wer Laie ist und gerne Filme inszenieren möchte, sollte unbedingt zunächst Erfahrungen im professionellen Bereich sammeln und gestalterische wie technische Grundkenntnisse des Filmemachens erwerben. Möglichkeiten bieten hier z.B. Praktika bei Spielfilmproduktionen - bei GUITAR MEN vergaben wirzwei Praktika für Bild und Ton - sowie Ausbildungen und Seminare an staatlichen und privaten Filmschulen. In jedem Fall empfiehlt es sich für die Umsetzung einer eigenen Idee, die Hilfe von Profis in Anspruch zu nehmen. Ein interessantes und ungewöhnliches Drehbuch ist manchmal ausreichend, um Profis der Branche auch zu Low- oder NoBudget Bedingungen zu gewinnen. Wer allerdings zunächst nur aus Spaß an der Sache und ohne professionellen Anspruch inszenieren möchte, sollte sich an Kurzfilmen mit wenigen, überschaubaren Sets und kleinem Cast ausprobieren. Ein No-Budget Film wie GUITAR MEN mit über 80 Darstellern, Kostümen und weit mehr als 20 Drehorten ist wirklich nur von einer professionellen Produktion und einem erfahrenen Team zu bewerkstelligen. Auch sollte man sich darüber im klaren sein, dass ein abendfüllender No-Budget Spielfilm natürlich nicht wirklich ohne Budget entsteht, sondern finanziell in der Größenordnung eines Mittel- bis Oberklassewagens einzuordnen ist. Vertrieb und Auswertung des Films sollten also besser bereits vor Produktionsbeginn bedacht werden.

FM: Die Premierenvorstellungen liefen letzte Woche im Babylon Kino in Berlin. Wird es auch eine Veröffentlichung für die breite Masse geben? Wie stehen die Chancen für Leinwand bzw. DVD?

Thomas Wind: Es gab einige interessierte Filmverleiher, die aber alle die hohen Kosten einer Ausbelichtung des HD – Materials auf 35mm-Negativfilm gescheut haben. Zusammen mit den Vorführkopien und dem notwendigen Marketing für einen bundesweiten Kinostart wäre schon eine Investition des Verleihs notwendig gewesen, die sich nicht unbedingt garantiert mit einer Kinoauswertung wieder einspielen lässt. Da es keine Verleihförderung für GUITAR MEN gibt wird es also leider voraussichtlich keinen bundesweiten Kinostart geben. Wir planen aber in Kooperation mit Programmkinos in verschiedenen Städten, die in der Lage sind HD zu projizieren, den Film vor dem geplanten DVD Release im Dezember/Januar im Eigenverleih, zumindest im kleinen Rahmen auf die Leinwand zu bringen. In Berlin wird der Film auf jeden Fall im August oder September im Z-inema Programmkino zu sehen sein. (* siehe Kommentar)
Für die DVD-Auswertung zum Jahresende stehen wir mit verschiedenen Labels in Kontakt. Eine Veröffentlichung könnte evtl. durch MEDIA Target Distribution erfolgen. Es handelt sich hier um ein kleines, aber sehr feines Label, was sich sehr verdient gemacht hat um die Veröffentlichung internationaler Independent- und B-Movie-Produktionen. Wir werden über Spieltermine im Kino und eine DVD-Veröffentlichung zu gegebener Zeit auf der GUITAR MEN Website (www.guitarmen-themovie.com) informieren (Anmerkung der Red: DVD-VÖ Termin ist auf Mai 2008 geplant). Da der Film vorrausichtlich nur in limitierter DVD Auflage in Deutschland erscheinen wird, haben Interessenten bereits jetzt die Möglichkeit, sich unter der e-mail Adresse wind@killingpictures.de mit ihrer eigenen e-mail Adresse zu registrieren um automatisch beim Release benachrichtigt zu werden.
Eine Soundtrack Veröffentlichung auf CD ist ebenfalls noch für dieses Jahr geplant (Infos und Link zum Vertrieb zu gegebener Zeit auf der Website zum Film).

FM: Zu guter Letzt natürlich: Ist das nächste Projekt schon in Planung?

Thomas Wind: Momentan tragen wir uns mit der Idee, ein Exposé für einen Western zu schreiben. Drehen würden wir am liebsten in Spanien, an einem der klassischen Sets unzähliger Italo-Western. Außerdem würde ich gerne eine oder mehrere Rollen mit einer Ikone des italienischen Western wie z.B. Tomas Milian, Franco Nero oder Giuliano Gemma besetzen.
Das Budget für diese Produktion würde in jedem Fall die finanziellen Möglichkeiten der KILLING PICTURES PRODUCTIONS sprengen, so dass abzuwarten bleibt, ob sich für das Projekt ein Produzent im In- oder Ausland findet.