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Der Glanz des Sonderbaren - Interview mit Carsten Baiersdörfer und Alexander Beneke

(November 2009) Das Independent-Label Bildstörung, mit Sitz in Köln und Aschaffenburg, gibt es jetzt seit 1. April 2008. „Ein echter Aprilscherz“, wie Carsten Baiersdörfer (35), einer der Macher, schmunzelt. Seinen Mitstörer, Alexander Beneke (34), lernte der gebürtige Oberfranke während der gemeinsamen Zeit bei Rapid Eye Movies kennen. Die Maniax trafen Bildstörung zum virtuellen Stelldichein.

 

FM: Wie habt ihr euch „gefunden“?

Carsten: Wir kannten uns bereits einige Jahre durch die Zusammenarbeit bei REM. Hier stellten wir fest, dass wir im Prinzip ähnliche Vorlieben haben, was Filme angeht. Daraus ist eine Freundschaft entstanden.

Alexander: Wir sind zwar nicht immer deckungsgleich, was einzelne Titel angeht, aber auf jeden Fall gleicher Meinung, was einen guten Film ausmacht: also etwa Regie, Kamera, Drehbuch, Schauspieler.

Carsten: Es ist viel wert, wenn man weiß, dass der andere sich auskennt und einen „passenden“ Geschmack hat, was Filme angeht. Das lässt einen sicherer und entspannter an die Arbeit gehen.

FM: Warum habt ihr überhaupt ein Label gegründet; man kann seinen gemeinsamen Filmgeschmack doch auch anders ausleben ;-). Habt ihr eine Mission?

Carsten: Mir macht diese Arbeit einfach großen Spaß. Da ich zudem nichts ‚Anständiges’ gelernt habe, gab es für mich nicht allzu viele Alternativen ;-) Ich hatte in den Jahren davor schon öfters mit dem Gedanken gespielt, es mal mit einem eigenen Label zu versuchen. Mir hatte aber immer der Mut zum letzten Schritt gefehlt.
Ausschlaggebend dafür, es doch zu machen, waren dann zwei Dinge: Erstens hatten sich meine private und berufliche Situation dahingehend entwickelt, dass es bei einem solchen Schritt für mich verhältnismäßig wenig zu verlieren gab - eben wegen des Mangels an Alternativen. Zweitens hatte auch Alexander große Lust, es zu versuchen. Da sind wir es halt angegangen.
Ich hielt es für die beste und auch letzte Chance, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Anstatt sich also nun vielleicht in zehn Jahren bei einem öden Job zu ärgern, es nie versucht zu haben und sich ständig zu fragen ‚Was wäre wenn?’, weiß ich nun eventuell in zehn Jahren bei einem öden Job, „was war“ ;-)

FM: Wer macht bei euch nun was?

Carsten: Ich sitze in Aschaffenburg und bin zuständig für die ganzen redaktionellen Sachen wie Textübersetzungen, Untertitel, Covertexte, Website. Daneben gibt es noch zwei weitere‚ 'inoffizielle’ aber unersetzliche Mitglieder in unserem Team: die Grafiker Dirk Strödel und Oliver Bull, die sich über sämtliche Artworks die Köpfe und Finger zerbrechen. Alles andere teilen wir paritätisch auf.

Alexander: Im Prinzip kümmert sich also jeder irgendwie um alles. Aber ich mache in Köln zusammen mit meinem Team von Group of Pictures den ganzen technischen Kram. Das bedeutet zum Beispiel Authoring, Programmierung, Video- und Tonbearbeitung.

FM: Group of Pictures?

Alexander: GOP habe ich mit einem Kollegen 2003 in Köln gegründet. Dort erstellen wir hauptsächlich DVD-Master. Wir produzieren im Spielfilm-, Musik- und Businessbereich für verschiedene Kunden und natürlich auch die Bildstörung.

FM: Nach welchen Gesichtspunkten gestaltet ihr eure VÖ-Politik?

Carsten: Oberstes Gebot bei unseren Releases ist, dass uns beiden die Filme 100-Pro gefallen und wir wirklich hinter den Titeln stehen. Mehr Einschränkungen gibt es eigentlich nicht. Genre, Independent- oder Major-Produktion, Produktionsland: Das spielt für uns keine Rolle. Es muss einfach nur ‚Klick’ machen, wenn man sie sich ansieht.

Alexander: Unser Herz schlägt nicht nur, aber in besonderem Maße für abseitige Filme, weil sie unserer Ansicht nach oft einfach auch die interessanteren sind.

FM: Wenn ich da mal einhaken darf: Was sind denn für euch „abseitige“ Filme?

Carsten: Für mich zum Beispiel bedeutet das keine klare Abgrenzung hinsichtlich eines Genres oder Themas. Ich würde das auch nicht auf Skandalfilme oder kontroverses Kino einschränken wollen. Für mich zählen generell alle Filme dazu, die auf die eine oder andere Art etwas Besonderes und Außergewöhnliches haben - seien es nun Bilder, Musik, Atmosphäre oder die behandelten Themen - und die aus irgendwelchen Gründen und aus meinen Augen vor allem in Deutschland ein absolutes Schattendasein fristen.

Alexander: Da hat sich über die Zeit eine ziemliche Liste mit Titeln angesammelt, bei denen wir uns einfach gewundert haben, dass sie hierzulande irgendwann unter den Tisch gefallen sind. Filme, von denen wir glauben, dass sie zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Das kann natürlich tausend Gründe haben - nicht zuletzt einfach rechtliche Probleme oder unverhältnismäßig hohe Preisvorstellungen. Wir waren neugierig und wollten das herausfinden.

FM: Dann dürfen wir ja noch auf weitere Preziosen vernachlässigter Filmkunst gespannt sein.

Carsten: Klar, und Nischentitel sind meiner Meinung nach eh’ die einzige Möglichkeit und Chance, sich als Kleinst- und Independentlabel überhaupt irgendwie zu positionieren, Jetzt haben wir mit dem am 6. November veröffentlichten "Possession" insgesamt sechs Titel ganz ordentlich hinbekommen. Über jeden Titel freuen wir uns wie kleine Kinder. Wie’s weiter geht, wissen wir selbst noch nicht. Ideen haben wir, aber es hängt natürlich immer davon ab, ob man da auch zusammenkommt. Wir lassen uns einfach überraschen…

FM: Wie findet ihr neue Streifen, die euch eine Veröffentlichung wert sind?

Carsten: Über die ganzen Jahre, die wir uns schon mit Filmen beschäftigt, haben sich, wie Alexander schon sagte, etliche Titel angesammelt, die wir großartig finden und die somit in Frage kämen. Und wir hören ja auch nicht auf, uns weiterhin Filme anzuschauen… Die Titel, die uns beiden gefallen, sind dann auch schon potenzielle Kandidaten.
Da geht es dann an die Recherche, um rauszufinden, ob und was machbar ist. Das nimmt einen großen Teil der Vorbereitungszeit in Anspruch. Wenn es klappt und ein Kontakt mit den richtigen Leuten zustande kommt, wird dann gefeilscht… Was den Zeitraum angeht, der dabei von der Idee bis zur Veröffentlichung verstreicht: der ist wirklich von Titel zu Titel unterschiedlich. Bei "Marquis" waren es beispielsweise gerade mal drei bis vier Monate – bei "La Bête – Die Bestie" und "Possession" wiederum ist jeweils ein ganzes Jahr ins Land gezogen, bis die DVD fertig war.

FM: An welchen Streifen seid ihr noch „dran“ oder ist das Betriebsgeheimnis?

Carsten: Da möchte ich keine falschen Hoffnungen schüren oder mit Titeln um mich werfen, die dann doch nichts werden. Von daher: lieber warten, bis etwas feststeht und dann sicher ankündigen.

FM: Wird gemacht und damit danke fürs Gespräch und … macht weiter so!