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Der Mann, der die "Bibel" schrieb - Ein Gespräch mit Ulrich Bruckner

(Juni 2008) Ulrich Bruckner gilt nicht erst seit Erscheinen seiner Italowestern-Bibel „Für ein paar Leichen mehr“ international als einer der führenden Genre-Experten. Der studierte Betriebswirt verantwortet zudem seit 2003 das Verlagsprogramm des rührigen und ambitionierten Labels Koch. Zusätzlich betätigt er sich als Fachjournalist und führte dutzende Interviews mit den Spaghetti-Recken von einst. Film Maniax bat ihn zum Gespräch.

 

FM: Ihr Name ist seit an die zehn Jahren eng mit dem Western all’Italiana verknüpft. Wie viele Italos haben Sie denn nun tatsächlich selbst gesehen?

Ulrich Bruckner: Es müssten ein wenig mehr als 400 gewesen sein, leider sind immer noch einige Titel auf meiner Suchliste, die ich bisher vergeblich gesucht habe.

FM: Sie haben sich dem Thema, wie wir alle, ja erst einmal als Fan genähert. Wann und wie haben Sie das reine „Fan-Sein“ verlassen und damit begonnen, sozusagen das Hobby zum Beruf zu machen?

Ulrich Bruckner: Was meine beruflichen Anfänge in der Filmbranche angeht, so habe ich im Jahr 1992 für die Visual Effects Firma INTROVISION in Hollywood gearbeitet. Das war gleich nach meinem MBA (Master of Business Administration)-Studium in New Orleans. Zu jener Zeit hatte ich auch die Gelegenheit, die Dreharbeiten von THE FUGITIVE hautnah mitzuerleben und Harrison Ford kennen zu lernen. Von 1993 bis Ende 1994 arbeitete ich als Marketing Manager bei Warner Bros. Filmverleih, damals noch in München. Anschließend ging’s für kurze Zeit in die Schweiz, als Marketingleiter für Rialto Film AG, bevor es mich dann bis 2000 wieder nach Los Angeles zog. Ende 2002 unterbreitete ich Franz Koch den Vorschlag, eine DVD-Abteilung bei Koch zu starten und schrieb den notwendigen Businessplan, der dann Anfang 2003 umgesetzt wurde.

FM: „Für eine paar Leichen mehr“ ist in seiner zweiten Auflage seit knapp zwei Jahren auf dem Markt. Wie viel Zeit haben Sie in die Neuauflage investiert, und was hat Sie daran die meisten grauen Haare gekostet?

Ulrich Bruckner: Die meisten grauen Haare haben mich die Korrekturen im hinteren Lexikon-Teil gekostet. Da sind mir seit der Erstauflage schon sehr viele kleine Fehler aufgefallen, die ich natürlich alle so umfangreich wie möglich korrigieren wollte.

FM: Ein Problem, was ich mit dem Buch hatte, ist eben besagter lexikalischer Teil: Hier beschreiben einige Inhaltsangaben alles andere, nur nicht den zugrunde liegenden Film: Diese Texte scheinen komplett der Fantasie des Verfasser entsprungen zu sein, der den betreffenden Streifen wohl gar nicht gesehen hat. Mal provokativ gefragt: Wie wurden die Beiträge der Gastautoren abgesichert, und wäre dem Gesamtwerk eine strengere Qualitätskontrolle nicht zuträglicher gewesen?

Ulrich Bruckner: Leider konnte ich nicht alle Filme selbst sichten und war daher auf die Hilfe Dritter angewiesen. Aus diesem Grunde ist es möglich, dass einige Inhaltsangaben nicht hundertprozentig korrekt sind.
Aufgrund des großen Umfangs des Bandes stieß ich auch an Grenzen, was die Qualitätssicherung anging. Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle aber ausdrücklich bei meinen beiden Gastautoren, die mich hier tatkräftig unterstützt haben.

FM: Wie viele Exemplare von „Für ein paar Leichen mehr“ gingen bisher über den Ladentisch, und was blieb beim Autor „hängen“?

Ulrich Bruckner: Von den Verkäufen eines solchen Buches kann man sich leider nicht über Wasser halten. Die Erstauflage umfasste 3.000 Exemplare, die bereits Mitte 2004 ausverkauft war. Die neue Ausgabe hat die gleiche Auflage, und davon sind bisher rund etwas mehr als die Hälfte verkauft. Pro verkauftem Exemplar erhalte ich lediglich zehn Prozent.

FM: Koch wird im Juli den Fidani-Western „ADIOS COMPANEROS“ aka „FÜR EINEN SARG VOLL DOLLARS“ als DVD-Erstveröffentlichung herausbringen. Einer der besseren Fidanis, aber immerhin ein Fidani. Sind Sie ein heimlicher Freund seines Oeuvres – dann wären wir schon Zwei – oder ist das Genre bereits soweit abgegrast, dass nur noch wenige hochkarätige Veröffentlichungen zu erwarten sind?

Ulrich Bruckner: Der Film ist sicherlich einer der besten Fidanis. Natürlich ist uns auch klar, dass es sich bei diesem Regisseur um einen Trash-Regisseur handelt. Wir veröffentlichen einen Fidani, um etwas Kontrast in unsere übliche Reihe zu bringen und den DVD-Käufern auch mal ein anderes Beispiel eines Italowestern vor Augen zu führen. Wir haben uns für diesen Film entschieden, weil Kinski sozusagen als Zugpferd eine tragende Rolle hat. Schließlich darf man die ökonomischen Aspekte nicht ganz vergessen: Wir müssen die DVDs ja so gut wie möglich verkaufen.

FM: Was wird da noch kommen?

Ulrich Bruckner: Zu den weiteren Titeln zählen beispielsweise der seit seiner Kino-Auswertung nicht gezeigte Peter- Lee-Lawrence-Western GLUT DER SONNE, wahrscheinlich sein bester. Außerdem wird es ein Double-Feature mit den beiden Giuliano-Gemma-RINGO-Filmen geben. Auch sind wir dabei, an die Rechte von ALLES FLIEGT DIR UM DIE OHREN mit Tony Anthony zu kommen sowie dem ultra-schrägen TIME BREAKER mit dem gleichen Darsteller.

FM: Es geistern ja immer wieder Gerüchte durch die Szene, Enzo Castellari plane einen neuen Western. Was wissen Sie als Insider?

Ulrich Bruckner: Das wird wohl leider nichts werden. Herr Castellari hatte mir bereits vor fünf Jahren von diesem Projekt erzählt, aber dies ist reines Wunschdenken, da das Projekt wohl nie finanziert werden wird.

FM: Mal weg vom Western: Sie haben jetzt die beispielsweise neue Reihe „Film Noir“ aufgelegt. Eine klasse Sache. Vorher kamen Jack-Arnold-Filme … und … und … Welche Rolle spielen bei der Programmgestaltung persönliche Vorlieben?

Ulrich Bruckner: Persönliche Vorlieben spielen eine sehr große Rolle, da ich ja derjenige bin, der die Lizenzen sucht und kauft. Wir hatten früher bereits mal zwei Film Noirs im Programm - POLIZEI GREIFT EIN von Samuel Fuller und FAUSTRECHT DER GROSSSTADT von Otto Preminger, die sich leider damals nicht gut verkauft hatten. Vielleicht lag es auch an den damals wenig aussagekräftigen Covern. Aus diesem Grunde haben wir jetzt nochmals einen neuen Versuch gewagt mit diesen Universal Titeln und dem Serien-Charakter.

FM: Haben sie überhaupt noch Zeit und vor allem Lust, selbst Filme zu schauen?

Ulrich Bruckner: Die Lust ist immer noch da, allerdings verbringe ich mehr Zeit damit zu überlegen, was ich mir anschauen möchte, als dann tatsächlich zu "screenen".

FM: Wie sichern Sie sich die Rechte an einem Film, und können Sie was zu den Kosten sagen?

Ulrich Bruckner: Ich bin auf allen wichtigen Film-Festivals und –Messen unterwegs und pflege natürlich den täglichen Kontakt mit den wichtigsten Film- und TV-Serien Anbietern. Die Kosten bewegen sich zwischen einigen Tausend Euro und gehen bis über eine Million für neue Filme, zu denen wir sämtliche Rechte erwerben. Diese umfassen die Auswertung in Kino, Home Entertainment, also beispielsweise DVD, Blu-Ray und als Download, oder auch Fernsehen.

FM: Kommt es eigentlich schon mal vor, dass Studios/Rechteinhaber bei Ihnen initiativ wegen einer möglichen Veröffentlichung anheischig werden?

Ulrich Bruckner: Es kommt schon manchmal vor, dass ich Listen von Studios zugeschickt bekomme und darum gebeten werde, ein Angebot abzugeben, aber das ist eher selten.

FM: Sie sind ja bekannt für liebevoll gestaltete Nischenprodukte in Top-Bildqualität, die natürlich per se nur für einen eher kleinern Nutzerkreis interessant sind. Andererseits haben Sie ja auch gut gehenden Mainstream im Sortiment, der wohl entsprechend gegenfinanzieren muss. Bekommen Sie vom Marketing/Vertrieb Auflagen, etwa finanzieller Art, wenn Sie beispielsweise eine neue Spezialreihe auflegen?

Ulrich Bruckner: Die einzige Auflage ist, dass ich mit einem Nischenprodukt den Break-Even-Punkt erreichen kann, also den Punkt, an dem sich Kosten und Erlös die Waage halten. Dies gelingt natürlich trotzdem nicht immer.

FM: Wenn Sie so könnten, wie Sie wollten: Welches Projekt fänden Sie besonders spannend zu realisieren?

Ulrich Bruckner: Ich habe meine Wunschliste an Titeln bereits ziemlich abgearbeitet. Neben den Italo Western MERCENARIO, DER GEFÜRCHTETE und DREI PISTOLEN GEGEN CESARE gäbe es noch ein paar US-Western, die ich sehr gerne realisieren würde, wie beispielsweise RIO CONCHOS und DER LETZTE WAGEN, beide von 20th Century Fox. Zu den Filmserien, die ich sehr gerne auf DVD sehen würde gehören die TARZAN Filme mit Lex Barker, Gordon Scott, Mike Henry und Jock Mahoney. Aus irgend einem Grunde sind diese Filme weltweit noch nicht auf DVD erhältlich. Und dann gibt es noch einige Serien, die sich lohnen würden, allen voran wohl MIT SCHIRM, CHARME & MELONE.

FM: Mit den AVENGERS – SCHIRM, CHARME & MELONE – rennen Sie auch bei mir offene Türen ein. Fürs erste danken wir Ihnen fürs Gespräch und wünschen weiterhin ein glückliches Händchen. Wir bleiben dran.