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Heißes Pflaster Gelsenkirchen - Ein Gespräch zwischen Tür und Angel mit Christian Keßler

(Mai 2008) An Christian Keßler führt kein Weg vorbei, geht’s um Kino en génerale und um Exploitation speziell südeuropäischer Abstammung. Seine mittlerweile zum Teil vergriffenen Werke zum Italowestern oder dem spanischen Horrorfilm sind eigentlich schon Standardliteratur für den Connoisseur; Interviews mit nicht immer zu Unrecht vergessenen Genre-Koryphäen sowie erhellende und erheiternde Elaborate in der „Splatting Image“ sind wahre Fundgruben der Trashologie und des gehobenen Frohsinns.

Hinzu kommen Beteiligungen an DVD-Projekten, Engagements als väterlicher Part-Time-Punk oder auch Jury-Mitglied bei Filmfestivals. Nebenher trifft man ihn regelmäßig am Gelsenkirchener Hauptbahnhof, wo er seinen Körper versilbert, wie er uns verriet. Da wir aber selbst knapp bei Kasse sind, trafen wir Christian Keßler, den Vielbeschäftigten, lediglich im virtuellen Raum.

FM: Du giltst seit Jahren schon als Kapazität in Sachen „Europäischer Exploitation-Film“ vorwiegend italienischer und spanischer Provenienz. Das erreicht man ja nicht allein, indem man sich durch das einschlägige Sortiment seiner Lieblingsvideothek schlägt. Wie also wird ein ambitionierter Fan zu so etwas wie einer Institution?

Christian Keßler: Durch Zufall, mehr oder weniger. Als ich noch jung war, habe ich mich mit anderen Horrorfans ausgetauscht, die mehr oder weniger denselben Background geteilt haben. Wir haben auch des öfteren Reisen unternommen, z.B. nach Brüssel, zum „Festival des Phantastischen Films“. Auf einer dieser Touren bin ich dann einem Autoren der noch sehr jungen Fachzeitschrift „Splatting Image“ über den Weg gelaufen, der mich fragte, ob ich Lust hätte, mal was für die Jungs zu schreiben. Ich hatte zu jenem Zeitpunkt noch ein Interview mit dem französischen Filmemacher Jean Rollin „auf Halde“, und so begann dann die Zusammenarbeit mit dem Magazin, die bis zum heutigen Tage andauert!

FM: Wie definierst du „Exploitation Kino“, und was reizt dich daran?

Christian Keßler: Während ich natürlich mit dem klassischen Hollywoodkino aufgewachsen bin, sorgten die neueren Produkte aus dem Land der Unbegrenzten Möglichkeiten zunehmend für herabsackende Mundwinkel. Über einen Freund – Peter Blumenstock (Anm. d. Red: Autor und ebenfalls Mitarbeiter der „Splatting Image“) – bin ich dann dazu gekommen, auch den allgemein übel beleumundeten „Absahnproduktionen“ aus Europa eine Chance zu geben, die für einen Bruchteil des Geldes hergestellt worden waren. Ich stellte fest, dass diese häufig einen ganz eigenen Charme besaßen, der eben damit zusammenhängt, dass man mit wenig Geld auf der Naht viel improvisieren muss. Im Laufe der Jahre kultivierten wir eine Vorliebe für diese Filme, die auch in der Zusammenarbeit mit einigen Ruhrpöttlern resultierte, die vor neun Jahren den „Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega“ aufzogen. Das Exploitation-Kino entstand zu einer Zeit, als das Fernsehen noch nicht die Vormachtstellung eingenommen hatte, die es heute besitzt. Filme gehörten ins Kino, und gerade die Autokinos von einst waren für findige Produzenten eine Goldgrube, die mit Geschäftssinn und einer gewissen Frechheit den Hollywoodriesen Paroli boten. Viele Exploitationfilme waren und sind natürlich Mogelpackungen, bei denen der Mangel an Substanz durch eine geschickte Verkaufsstrategie ausgeglichen werden musste, etwa durch knallige Plakate, Publicity-Kampagnen oder konzeptuelle Frechheit. Auch mussten die preiswerten Neffen und Nichten natürlich ranklotzen in Bezug auf alles, was Hollywood seinem Publikum nicht bot, was zu der häufigeren Verwendung von Sex & Crime führte. Heutzutage sind die Muster des klassischen Exploitationkinos längst in den Mainstream eingesickert, und spätestens seit der Entdeckung von Video als Produktionsmittel ist den Exploitern von einst das Wasser abgegraben worden, da jetzt wirklich jeder Filme machen kann. Und jeder tut es auch!

FM: Seit den letzten 30, 40 Jahren hat sich die Szene ja deutlich verändert, Stichworte Kinosterben, Konzentrationsprozesse. Wie siehst du in diesem Zusammenhang die Zukunft des unabhängigen (Low-Budget-)Films? Wo gibt es noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Christian Keßler: In jeder Szene gibt es einige wenige Begabte, die ihre Aufgabe nicht im simplen Nachäffen von Vorbildern sehen, sondern Eigenständiges produzieren wollen. Die ausgesprochene Flut an Amateurproduktionen hat natürlich in erster Linie zu einem Mehr an Müll geführt. Es gibt aber auch in diesem Bereich einzelne Ausnahmegestalten, die mit Geschmack und/oder Humor vorgehen. Die Gosejohanns (Anm.: Simon und Thilo Gosejohann stecken hinter der Neverhorst Company und drehen seit mehr als 15 Jahren Filme) fallen einem da ein. Oder Wenzel Storch. Wie aber auch die Gosejohanns natürlich kommerzielle Jobs übernehmen müssen, um den Schornstein am Rauchen zu halten, droht auch diese Szene, von der nicht vorhandenen Förderung durch staatliche Stellen stranguliert zu werden. Wäre ich König von Deutschland, würde ich freischaffende Künstler unterstützen, denn eine gesunde Kultur, in der Kreativität unterstützt wird, nicht abgestraft, ist die Grundlage für eine wirklich funktionierende Gesellschaft. Um den alten Gassenhauer auch noch zu zitieren: Jede Gesellschaft hat die Kultur, die sie verdient. In unserem Falle heißt das: Au wei...

FM: Wie beurteilst du die derzeitige deutsche Independent- und Undergroundlandschaft? Da sind ja in letzter Zeit einige interessante Sachen erschienen, wie beispielsweise „GUITAR MEN“.

Christian Keßler: „GUITAR MEN“ kenne ich noch gar nicht, muss ich mal nach Ausschau halten... Ich würde es für sehr sinnvoll halten, wenn die Nachwuchsfilmer nicht so sehr auf die kommerzielle Verwertbarkeit ihrer Produkte schielen würden. Spannend ist ja in jedem Fall das Eigene, das Persönliche. Als ich damit angefangen habe, über Filme zu schreiben, habe ich nicht im Traum an eine kommerzielle Verwertbarkeit meiner Texte gedacht. Das entstand wirklich nur zum eigenen Spaßvergnügen. Vor 2000, als ich erstmals im Internet auftrumpfte, hatte ich vielleicht fünf oder sechs Leserbriefe erhalten. Meine Texte – so dachte ich – liest kein Mensch. Wenn man aber von Anfang an versucht, seine Produkte „professionell“ aufzuziehen, geht die Unschuld und das Ursprüngliche verloren, und das ist – bei Filmen wie bei Texten – der eigentlich interessante Bestandteil. Worte kann man ebenso wohlfeil aneinanderreihen wie Filmmeter, aber es muss halt auch Leben darin verborgen sein. Und das schöpft seine Inspiration eben aus der persönlichen Geschichte. Niemand möchte den hundertsten Tarantino-Klon sehen.

FM: Wie hast du dir deine vielfältigen Kontakte erarbeitet? Weißt du noch, wer dein erster Gesprächspartner war?

Christian Keßler: Das war Jean Rollin, den ich einmal interviewte, als ich in Paris war, um eine Freundin zu besuchen. Die Freundin war gerade verplant, ich saß im Hotelzimmer und grub im Telefonbuch. Es gab 6 Jean Rollins zur Auswahl, also probierte ich die mal durch. Der dritte war es dann, und das Gespräch war sehr nett!

FM: Musst du die Leute entsprechend „nerven“ oder macht dein Ruf beispielsweise die Gesprächsanbahnung inzwischen zu einem Selbstläufer?

Christian Keßler: Mein „Ruf“ ist kommerziell komplett unbedeutend. Ich habe immer als Privatmensch angerufen, und in der Regel gab es keine Schwierigkeiten. Bei italienischen Stars gab es genau niemals Schwierigkeiten, bei deutschen manchmal. Die verlangten manchmal Kohle, was ich niedlich fand. Denen habe ich dann gesteckt, dass ich bei meiner Arbeit draufzahle. Wenn sie trotzdem insistierten, habe ich halt um Bedenkzeit gebeten, was gleichbedeutend war mit „Bye-bye“.

FM: Wie meisterst du Sprachbarrieren? Hast du immer einen Dolmetscher im Handgepäck? Sprichst du selbst vielleicht gar die Landesidiome oder führt ihr die Gespräche auf englisch?

Christian Keßler: Das war von Fall zu Fall unterschiedlich. In den meisten Fällen haben wir uns auf englisch mit den entsprechenden Leuten unterhalten. In einzelnen Fällen – z.B. Stelvio Massi oder Sergio Garrone – ging das nur auf italienisch, wobei uns dann dolmetschende Freunde unterstützten.

FM: Aber du machst ja deutlich mehr, als zu schreiben und zu interviewen …

Christian Keßler: Wenn ich darauf verzichten könnte, am Gelsenkirchener Hauptbahnhof meinen Körper zu verkaufen, würde mich das sehr froh machen! Na ja, das liegt halt daran, dass ich früher meine Schreiberei niemals als Broterwerb gesehen habe, was mir später nicht unbedingt zum Vorteil gereichte. Primär ist meine Beschäftigung mit dem Kino ein Hobby, eine Liebesarbeit. Geld im Sinne von GELD habe ich damit niemals verdient. Häufig lief es auch so, dass ich mir meinen Enthusiasmus selber versaut habe. Wenn man etwa ein Jahr lang an einem Westernbuch schreibt und dann vier Jahre lang herum krebst, um das Projekt jemandem anzudienen, geht die Begeisterung für Western halt flöten. Wenn mein Pornobuch jetzt Ende des Jahres hoffentlich endlich herauskommen wird, werden die meisten mich wahrscheinlich für Graf Porno halten, obwohl ich die letzten Jahre nur sehr wenige Filme dieser Art geguckt habe. Bei all den durchgefallenen Versuchen, das Projekt zu lancieren, habe ich dickere Eier bekommen als beim Sichten der Filme, das ist mal sicher.

FM: Du hattest ja auch mal so was wie musikalische Ambitionen, oder? Wie steht’s darum?

Christian Keßler: Das Elvis-Projekt hat sich aufgelöst, leider. Momentan trällere ich in einer anderen Band, und ich hoffe mal, dass sich daraus etwas Hübsches entwickelt. Da ist viel Punk mit drinnen, aber eben auch zahlreiche andere Einflüsse, denn als 39-Jährigem nimmt man mir den Punksänger mit Sicherheit nicht mehr ab. Wenn alles klappt, treten wir im weiteren Verlauf des Jahres auch mal auf. Das wird dann hoffentlich eine Gaudi!

FM: Woran arbeitest du gerade, und was sind deine weiteren Pläne?

Christian Keßler: Ich habe ein Kriminalhörspiel entwickelt, das ich einigen Radiostationen anzudienen gedenke. Es geht darin um das Töten von Menschen als Broterwerb und als Lebenseinstellung. Das Hörspiel sollte eigentlich bierernst werden, aber die schwarze Komödie hat sich aufgedrängt. Es ist ganz gut geworden, denke ich. Im Moment bastele ich an der Kürzung meines Pornobuches, da der Gesamtumfang etwas zu ausladend geworden ist. Die Sachen, die heraus fliegen, werde ich dann auf meiner Website kostenlos anbieten, als Werbung quasi. Und dann gibt es ja noch die Sache am Hauptbahnhof!

FM: Soll es eine Neuauflage von "Willkommen in der Hölle" geben? Prinzipiell wäre ja eine PDF-Version wie bei "Der Terror führt Regie" denkbar.

Christian Keßler: Weiß ich noch nicht so genau. Orientiert sich an der Nachfrage, näch. Eine PDF-Version würde ich aber nicht befürworten. Das Tolle an einem Buch ist ja, dass man ein Stück Baum in Händen hält, das man richtig streicheln und liebhaben kann und so. Mit PDFs geht das nicht.

FM: Wenn du ein Wunschprojekt realisieren dürftest, welches wäre das?

Christian Keßler: Schreiben, schreiben, schreiben! Ich hätte gerne jede Menge Patte, um Bücher auf den Markt zu wirbeln wie eitel Zuckerbrot. Da man aber irgendwovon leben muss, geht das nicht so einfach. Liebesarbeiten sind ab einem gewissen Punkt im Leben der sichere Fahrschein in die Depression. Das kann man eine Zeit lang machen, aber dann ist auch gut. Ich fände es toll, mal einen Roman fertig zu schreiben, aber dazu braucht man auch die Option, einen Abnehmer zu finden, und das hat sich in meinem Falle als problematisch erwiesen. „Freier Schriftsteller“ wäre natürlich mein Traumberuf, aber das ist in etwa so realistisch wie „Cowboy“. Das schaffen einige wenige, wie Kai Meyer zum Beispiel, den ich auch noch aus alten Horrorfanzeiten kenne, aber der ist auch ungewöhnlich begabt. Ansonsten spiele ich mit dem Gedanken, ein Computeradventure zu verfassen, da ich so etwas sehr gerne spiele. Das wäre dann aber mehr im SAM & MAX-Modus...

FM: Zuletzt noch eine Frage an den Insider: Was ist dran an den hartnäckigen Gerüchten, Enzo Castellari plane einen neuen Western? Ist so ein Projekt nicht schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt?

Christian Keßler: Ich würde es Enzo sehr wünschen, dass das Projekt zustande kommt. Mit der Gerüchtemühle Hollywoods oder Cinecittàs bin ich nicht gerade auf Duzfuß, weshalb ich auch nicht weiß, ob da noch was läuft. Da Enzo aber mit seinem JONATHAN OF THE BEARS ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich mit meinem Pornobuch, bin ich nicht sehr optimistisch. Aber ich lasse mich gerne überraschen, und sollte der Western kommen, wird er gut werden – da bin ich mir sicher!

FM: Wir wünschen good luck, fürs Erste mal dem Projekt "Porno", und sagen artig Dank für Zeit und Gehirnschmalz.