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Monster, Märchen, Kosmonauten - Ein Gespräch mit Ostalgica-Gründer Andreas Bierschenk

(Oktober 2009) Das rührige Label Ostalgica mit Sitz in Magdeburg gibt es seit 2008. Labelgründer und -macher Andreas Bierschenk hat sich vor allem vergessenen Perlen aus den Bereichen Horror, Science Fiction und Fantasy verschrieben. Bierschenk, gelernter Uhrmacher und studierter Informatiker, betreut heute hauptamtlich die IT-Abteilungen verschiedener Firmen. Ostalgica ist (noch) ein reines Hobbyprojekt. Die Maniax suchten Bierschenk im virtuellen Raum auf.

 

FM: Ostalgica. Das lenkt ja die Gedanken erstmal in eine bestimmte Richtung, obwohl das Labelprogramm ja deutlich weiter gefasst ist, als der Name vermuten lässt. Was verbirgt sich also hinter diesem Etikett?

Andreas Bierschenk: Den Anfang machte ein Onlineshop für DDR-Spielzeug und -Literatur, den ich immer noch habe. Als ich dann auch russische Film aufnehmen wollte, hat sich der Name fast aufgedrängt: Nostalgie aus dem Osten. Man hat mir schon mehrfach geraten, den Labelnamen zu wechseln, aber ich hänge an der Geschichte und werde vorerst nichts daran ändern, obwohl sich natürlich erst einmal die Frage stellt, was etwa Roger Corman mit „ostalgica“ zu tun hat.

FM: Wie ging's denn dann los mit dem Einstieg ins Filmgeschäft sozusagen?

Andreas Bierschenk: Anfangs wollte ich rund 20 alte utopische 50s-Filmklassiker aus Russland herausbringen. Nach langwierigem und anstrengendem Streit mit Progress Filmverleih (Anmerkung der Redaktion: Deutschlands größter Verleiher ostdeutscher und russischer Filme. Progress hat in seinem Bestand beispielsweise das komplette Defa-Repertoire) und Icestorm (Anm.: Großer Rechteinhaber von u.a. osteuropäischen Streifen) musste ich mich leider von diesem Wunsch verabschieden. Dies ist ein sehr bedauerliches Kapitel. Als Beispiel kann ich hier den Film „Der Amphibienmensch“ anführen. Es hat mich rund zwei Jahre Arbeit gekostet, einen Vertrag mit der russischen Filmgesellschaft zustande zu bringen, um die Rechte am originalen Bild zu erhalten.
Ich wäre auch zu einer Zusammenarbeit mit Icestorm bereit gewesen. Jedoch haben Progress und Icestorm dann überraschend den „Amphibienmensch“ und sechs weitere Filme meiner Liste selbst veröffentlicht. In schlechter Qualität und ohne Extras. Es werden die Fassungen des DDR Fernsehens verwendet, die nichts mit Kino zu tun haben, geschnitten und von mangelnder Qualität sind und nicht das Originalformat haben. Stopp. Ich rege mich schon wieder auf.
Die Filme kenne ich in erster Linie aus meinen Jugendtagen. Später fand ich es bedauerlich, dass etliche dieser Streifen nicht auf Video erhältlich oder nicht wenigstens häufiger im Fernsehen zu sehen waren. Ich war schon als Kind großer SF-Fan, und diese Vorliebe ist bis heute – wenig verwunderlich eigentlich - mein Steckenpferd geblieben.

FM: Nach welchen Gesichtspunkten nimmst du Filme in dein Programm auf?

Andreas Bierschenk: Das ist wie gesagt in erster Linie eine ganz persönliche Geschichte. Wenn ich beispielsweise die Frage, ob ich den Film auf DVD sehen möchte, mit „Ja“ beantworte, ist schon mal die erste Hürde genommen ;-). Nicht ganz unwichtig ist auch die Überlegung, ob sich außer mir noch jemand für den Film interessieren könnte. Schließlich kläre ich, wie schwer es ist, an die Lizenzen heranzukommen und ob diese dann bezahlbar sind.

FM: Wie aufwändig ist es denn, bis so ein Film auf DVD erscheinen kann?

Andreas Bierschenk: Da ich fast alles allein mache, ist es viel Arbeit und dauert meist auch entsprechend. Die Hauptschwierigkeit ist es, die Lizenz zu beschaffen. Von den meisten meiner Filme ist kaum noch bekannt, wer überhaupt die Rechte besitzt. Also geht schon mal ein Jahr für die Recherche ins Land. Manchmal ist auch kein Rechteinhaber aufzufinden, auch nicht mit Unterstützung eines Medienanwalts. Dann muss der Film leider im Archiv verrotten. Viele Firmen im Ausland antworten gar nicht erst. So bleiben Filme wie der jugoslawische Horrorstreifen „Der Rattengott“ unveröffentlicht.
Wenn dann wirklich eine Firma ausfindig gemacht ist, muss man sich noch über den Preis einigen. Daran scheitert es auch manchmal. Schließlich finanziere ich mich ausschließlich aus Ersparnissen und natürlich den Einspielergebnissen.
Nächste große Hürde: Oftmals ist es leider so, das kein Material von solchen Produktionen mehr vorhanden ist. So etwa bei „Malevil“ (Anm.: F 1980, bei Ostalgica im Herbst 2008 erschienen). Dann bekommt man zwar die Lizenz, muss sich aber das Material selber beschaffen.

FM: Das heißt doch bestimmt, dass du unter Umständen Probleme mit der Qualität bekommst?

Andreas Bierschenk: Stimmt. Ich bin ganz und gar auf den Lizenzgeber angewiesen, und das Selbstbeschaffen des Materials führt selten zu wirklich guten Ergebnissen. Viele Kritiker bemängeln die Bildqualität meiner Filme, von denen leider oft nur relativ alte Aufzeichnungen existieren. Eine komplette Restaurierung ist aber derart teuer, dass die fertige DVD im Laden 30 Euro kosten müsste.
Dann geht die Suche nach Zusatzmaterial los. Meist aussichtslos. Das vor 50 Jahren keine geschnittenen Szenen oder Dokumentationen archiviert wurden, scheint man gerne zu vergessen. Wie sonst soll ich Kritiken verstehen, die das geringe Bonusmaterial bemängeln. Dankenswerter Weise gibt es immer mal wieder einen Filmfreund, der eventuell einen alten Trailer zur Verfügung stellt. Das war es dann auch schon.
Was sich aber noch so machen lässt, sieht man sehr schön anhand von „Feuer und Schwert“ und „Ein Toter hing im Netz“.
Dann muss ich noch die GEMA und die FSK beantragen. Mit Menü und Coverentwürfen reiche ich dann alles Material zur Produktion bei entertainMarket ein, denen ich an dieser Stelle meinen Dank für die tolle Zusammenarbeit aussprechen möchte.

FM: Wie bringst du deine DVDs dann auf den Markt?

Andreas Bierschenk: Den Vertrieb übernimmt Alive, und dann gibt es noch meinen Onlineshop www.ostalgica.de.

FM: Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Andreas Bierschenk: Ich versuche, kosten deckend zu werden und mich am Markt zu behaupten.
Die nächsten Titel, die ich herausbringe sind „Der silberne Planet“ von Andrej Zulawski; das Atomkriegsdrama „Panik im Jahre Null“ von und mit Ray Milland; „Der Schatz der Vogelinsel“ von Karel Zeman und „Der Test des Piloten Pirx“ ein polnisch-sowjetischer Science-Fiction-Film nach Stanislaw Lem.

FM: Ooops! Da stelle ich bei mir leider gerade im Bereich des osteuropäischen Films heftige Lücken fest, die es lohnt zu schließen. Wir drücken dir jedenfalls die Daumen und sagen fürs erste Danke fürs Gespräch.