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Bis an die Grenzen des guten Geschmacks... und noch viel weiter - Gespräch mit Hasko Baumann

(Januar 2008) Hasko Baumann, 1970 in Celle geboren, studierte zunächst Rechtswissenschaften in Trier, bis es ihn schon nach kurzer Zeit auf die „schiefe Bahn“ verschlug: Er sagte der Jurisprudenz Adieu und studierte erstmal Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Hier gründete er unter anderem die Filmzeitschrift "Der Schnitt", absolvierte nebenher Praktika. Als Redakteur, Autor und Regisseur realisierte er für "avanti media" und "Totho Film" Berlin diverse Beiträge und Dokumentationen.

Für die ZDF/arte-Reihe "Durch die Nacht mit…" hat Baumann seit 2002 zahlreiche Folgen inszeniert. Darüber hinaus ist er Herausgeber des Online-Filmmagazins "Das Manifest". Wer so sehr dem abseitigen Film huldigt wie Hasko Baumann, kann kein schlechter Mensch sein, sagte sich die Film-Maniax-Redaktion, und man traf sich zum entspannten Email-Schnack.

FM: Du hattest ja 1991 angefangen, Jura in Trier zu studieren. Von hier bis zum Dokumentarfilmer und Kenner in Sachen abseitiger Popkultur scheint's auf den ersten Blick ein eher weiter Weg zu sein.

Hasko Baumann: Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das Jura-Studium eine absolut schwachsinnige Idee war. Also kam ich auf meinen ursprünglichen Berufswunsch zurück und begann ein Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Das war im Sommersemester 1993.
Da kam ein ziemlich durchgeknallter Haufen zusammen, und die Interessen an abseitigen Dingen jeglicher Art waren vielfältig. Da man sich mit einem Abschluss in diesem Studiengang nicht gerade eine Garantie auf einen Job verschafft, habe ich schon früh mit Praktika und ähnlichem angefangen, mein Erstes in New York, dann Berlin. 1995 war ich außerdem an der Gründung der Filmzeitschrift "Der Schnitt" beteiligt und blieb ihr bis 1998 treu. Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, so viel wie möglich außerhalb des Studiums zu machen, wenn er in den Medien arbeiten will. Sonst sind die Chancen gering.
Ich habe meinen Abschluss dann gar nicht mehr gemacht, weil ich 1999 als Redakteur in Berlin übernommen wurde und mit Fernseh-Beiträgen angefangen habe. Das waren hauptsächlich kurze Stücke über Promis, viel Hollywood. Nach und nach wurden die Stücke dann länger. Meine erste Doku habe ich 2000 begonnen, "Screen Terror"; die ultimative Abhandlung über das Horrorkino. Ich habe ihn aber nicht beendet; er kommt 2008 aus der Hand von Katharina Klewinghaus und unter dem eventuellen Titel "The Chainsaw Penis" (Anmerkung der Red.: der Titel trägt heute den Namen "Science of Horror - Wenn die Kettensäge zum Penis wird") heraus. Ich habe wirklich viel verschiedenen Kram gemacht, Internet-Fernsehen, Festivalreporte, Making Ofs... man kann es sich nicht aussuchen. Der Weg ist steinig, das muss man einfach so sagen.
Als 2002 dann Avanti Media mich für "Durch die Nacht mit..." engagierte, war das ein absoluter Glücksfall. Ich habe von Anfang an versucht, persönliche Vorlieben einzubringen, was dankenswerterweise bei Avanti auf offene Ohren stieß. Es gibt ja Gott sei Dank nicht allzu viele Autoren im Fernsehen, die diese Bereiche abdecken. Und damit fahren wir bis heute eigentlich sehr gut. Also, ja, es ist ein weiter Weg, aber er war sehr, sehr bunt!

FM: Wie sieht denn deine filmische Sozialisation aus?

Hasko Baumann: Die Liebe zu Abseitigem fing sehr früh an. So ab 17 habe ich angefangen, mir den härteren Horror zuzuführen und mein Wissen zu mehren. In Bochum ist das alles dann explodiert; der asiatische Raum wollte erobert werden, und die an sich fürchterliche Zeit des Bootlegbooms ermöglichte es, recht einfach all die verschollenen 70er- und 80er-Klopper aus Europa zu sehen. Dank Christian Kessler begann ich dann Ende der Neunziger mit dem fanatischen Sammeln von Italogranaten und -graupen. Und die liebe ich immer noch. Irgendwann wird man süchtig nach all dieser psychotronischen Jauche, obwohl ich auch von Zeit zu Zeit mal eine Pause einlegen muss.

FM: Bei mir waren’s eher Italowestern, das klassische US-amerikanische Horror- und Thrillerkino der Dreißiger bis Fünfziger, sowie der deutsche expressionistische Film, mit denen meine Reise in Richtung Niederungen des filmischen Schaffens begann. Von oben nach unten sozusagen.

Hasko Baumann: Das ist ja schon sehr speziell. Bei mir war's ganz am Anfang die Mischung aus 70er-Science Fiction und Horror aus den USA - von VOR den 70er-Jahren. Irgendwann steigt man dann nach unten hinab, oder?

FM: Genau, das hat ja was vom Entdecken einer verbotenen Zone. Man beginnt halt damit, auch die schmutzigen, vergessenen Kellerräume nach geheimen Schätzen zu erforschen. Ich habe mich nun auch hin und wieder bereits in die grundlosen Tiefen der 70er-Jahre US-Horror-Flicks begeben: Doch da sind nun wirkliche Nehmerqualitäten gefragt.

Hasko Baumann: Das ist eine schöne Metapher, die mit den Kellerräumen. Ich hab das irgendwann sogar als Sumpf begriffen. Von den fiesesten Untiefen kommt man ja auch wirklich mit Schlamm an den Schuhen wieder, der nicht mehr so richtig runter gehen will. Bei den 70er-Horrorfilmen bin ich auch dabei. Auch da muss man ganz schön durch die Gülle waten, bis man was findet - wird dann aber doch ab und an reich belohnt, mit sowas wie RITUALS mit Hal Holbrook etwa, dem ich lange Zeit nachjagte. So eine angeranzte NTSC-VHS kann einem dann viel Freude schenken.

FM: Was hat deine Liebe zu den "Rotten Pasta Dishes" geweckt? Die Initiation durch Christian Kessler kann ja letzlich nur den Anstoß gegeben haben.

Hasko Baumann: Ich hatte schon ein Faible für italienische Horrorfilme, als Christian mich mit seinen Artikeln in der Splatting Image auf die Italo-Knaller hinzuweisen begann, die nichts Übernatürliches zum Inhalt hatten.
Wenn man schon bei Mattei und D'Amato angekommen ist, schreckt einen herzlich wenig, also probierte ich seine Empfehlungen mal aus. Als Erstes besorgte ich mir auf dem Flohmarkt Castellaris "Ein Bürger setzt sich zur Wehr". Der Film hat schon gereicht, um den Korken aus dem Damm zu ziehen.
Allerdings hatte ich damals noch keine rechte Vorstellung, wie ich an die Filme rankommen sollte. In Berlin gaben die Flohmärkte dann mehr her, und Ebay erwies sich als echte Fundgrube.
Die Filme von Umberto Lenzi, insbesondere "Die Viper" und "Der Berserker", begeisterten mich dann so sehr, dass sich innerhalb kürzester Zeit meine Regale mit alten VHSen füllten. Das völlig Ungebremste in diesen Reißern, was Gewalt, aber auch Schauspiel und Inszenierung angeht, gepaart mit dem starken Gefühl der Machtlosigkeit in den "bleiernen Jahren" Italiens - das hat mich fasziniert und tut es immer noch. Die besten Exemplare machen keine Gefangenen, und die schlechten sind auf ihre Art irgendwie amüsant.
Und es hört einfach nicht auf: Erst in diesem Jahr sah ich erstmals Sollimas "Revolver" und bin praktisch vor Begeisterung niedergekniet. In meinem jugendlichen Irrsinn hatte ich meinen Italokaufrausch durch die Idee "Wertanlage" vor mir selbst rechtfertigen wollen. In einem beruflich sehr schlechten Jahr habe ich mir auch einiges durch den Deal mit VHSen dazuverdient, daher war ich zuversichtlich, was das anging. Aber der Siegeszug der DVD hat alles kaputtgemacht. Vielleicht hat er auch die Wertigkeit von Film an sich kaputtgemacht, aber das ist ein anderes Thema.
Auf jeden Fall werde ich Christian ewig dankbar sein. Ich hätte ihm gern meinen Nero/Williamson-"Durch die Nacht" offiziell gewidmet, aber das geht leider nicht so einfach.

FM: Prinzipiell gebe ich dir recht: Die DVD und mit ihr die leichte Verfügbarkeit von Film haben definitiv an der Wertigkeit gekratzt und in die Beliebigkeit geführt, vielleicht auch ein wenig den Spaß an der Jagd genommen.

Hasko Baumann: Über dieses Phänomen habe ich ja in den Anfangstagen des MANIFEST einen Artikel geschrieben, mit dem ich mir nicht nur Freunde gemacht habe. Aber ich bleibe dabei: Manche Filmgraupen haben nur deshalb einen solchen Status, weil es lange so schwer war, sie zu bekommen, und der Geruch nach altem Rauch aus der entsprechenden Videothek den Kassetten genau die richtige Patina verlieh.

FM: Aber einerseits gibt’s ja lang’ noch nicht alles auf DVD, und zweitens finde ich, dass dadurch vermieden wird, die ganze Sache in einem gewissen elitären Sektierertum enden zu lassen. Die von dir beispielhaft erwähnten Streifen haben doch eine breitere Plattform verdient. Dass man die so schaffen kann, ist so übel nicht.

Hasko Baumann: Klar, vor allem, weil mir beispielsweise viele italienische Knaller schon in der filmischen Ästhetik ausgesprochen gut gefallen. Da ist es schön, sie in der adäquaten Aufbereitung zu sehen. Allerdings glaube ich nicht, dass sie dadurch eine breitere Plattform finden - die werden immer noch von den Leuten gekauft, die sich auch schon die VHS zulegten. Für die anderen ist das Schrott, die fassen das Zeug mit spitzen Fingern nicht an.

FM: Logisch, aber immerhin eröffnet die DVD-Veröffentlichung hier doch Möglichkeiten. Dass diese zumeist eh’ nur die üblichen Verdächtigen nutzen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Hasko Baumann: Zumal Du und ich die üblichen Verdächtigen SIND! Ist ja auch kein Wunder, heutzutage gelten ja schon Filme aus den 90ern als überholt. "Zu langsam" etc. Dabei ist das totaler Schwachsinn. Heute ist nicht das Tempo, sondern nur die Schnittfrequenz höher, und wenn man das will, kann man auch mal die 70er durchwühlen. Ist eh’ interessant, dass Filmen neuerdings jede Halbwertzeit abgesprochen wird und die Musik hingegen hemmungslos rückwärtsgewandt ist. Dass die Leute so auf die 80er abfahren. Ich meine, niemand von uns wäre in den 80ern auf eine 60er-Jahre-Party gegangen! Undenkbar!

FM: Da muss ich allerdings aufs Schärfste widersprechen: Als damaliger Mod, Soul- und Psychedelic-Jünger ging da schon Einiges ;-).

Hasko Baumann: Ha! Wo war das? Außerdem ist das ja spezialisiert. Heute latscht die breite Masse los und lässt sich ernsthaft Kajagoogoo um die Ohren hauen.

FM: Aber gerade in den Bereichen Film und Musik hat es doch immer eine starke, nachwachsende Non-Mainstream-Fraktion gegeben. Das siehst du heute ja auch zum Beispiel in den einschlägigen Foren. Die Leute, die sich für diese Art Film interessieren und für sich entdecken, sind häufig deutlich unter 30. Im Mainstream-Bereich ist es natürlich genauso, wie du es beschrieben hast: Da gilt ja häufig bereits Schwarz-Weiß als Ausschlusskriterium. Was mich aber wirklich nervt, sind diese lieblosen DVD-Ramschveröffentlichungen, teilweise für 1,99 in der Grabbelkiste: massiv be- und geschnittene Stümmelversionen, die dem Film die letzte Scheiße aus den Knochen geklopft haben.

Hasko Baumann: Da gebe ich Dir Recht, aber auf der anderen Seite nervt mich diese ganze Steelbook- und Unrated- und Extended- und Doppel-DVD-mit-echtem-Spartanerhelm Scheiße genauso. Der Film an sich ist doch völlig in den Hintergrund getreten. Die "puren" Versionen werden den Leuten schon ab Start für `nen 10er hinterhergeschmissen, während die sogenannten "Special Editions" mit größtenteils völlig uninteressantem, vorproduziertem Bonusscheiß zugeknallt sind. Ich bin teilweise echt dankbar für `ne MGM-DVD von einem Film aus den 70ern, wo halt DER FILM drauf ist, und, wenn man mir `nen Gefallen tun will, der Trailer. Gut, retrospektive Dokus zum Film find ich grandios, aber dafür wird ja eher selten Geld angefasst.

FM: Klar, aber diese Beutelschneiderei mit Cheapo-Bonusmaterial habe ich auch nicht gemeint. Ich denke da eher an ambitionierte Verlage wie Koch, die den Dingen nach meiner bisherigen Erfahrung doch zumeist gerecht werden.
Doch nun mal zu deinen aktuellen Projekten: Für „Durch die Nacht mit …“ hat euer Team 2006 den Grimmepreis bekommen.

Hasko Baumann: Ja, das war super. Auch ein echter Glücksfall für mich. Ich hatte das mal als Traum im Kopf, so mit 45 den Grimme Preis zu kriegen. Hätte niemals gedacht, dass das schon zehn Jahre früher passieren würde. Auch dafür bin ich Avanti dankbar.

FM: Nach welchen Gesichtspunkten wählst du deine Gäste aus? Bis du da völlig frei oder schreiben dir Avanti oder der Sender da was vor?

Hasko Baumann: Ich gehöre ja zu Avanti. Und da ist sicherlich ein Vorteil, dass viele verschiedene Geschmäcker und Interessen zusammenkommen. In anderen Produktionsfirmen wäre ich mit meinem abseitigen Geschmack sicher chancenlos. Bei Avanti aber ist das Ungewöhnliche willkommen. Andere dort verstehen etwa mehr von bildender Kunst, von klassischer Musik oder so, und alle haben ein grundsätzliches Interesse am bunten Mainstream. Daher überraschen wir, glaube ich, auch immer wieder mit Kombinationen.

Zum zweiten Teil des Gesprächs...

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