Access Keys:
Skip to content (Access Key - 0)

Toggle Sidebar

 

FM: Stimmt, manchmal sind die Paarungen ja recht eigenwillig kombiniert, wie beispielsweise John Carpenter und Franka Potente oder Christoph Schlingensief und Michel Friedman.

Hasko Baumann: Gerade bei Potente und Carpenter höre ich das oft. Das war einfach so, dass ich mich bei Avanti um die Regie bei „Durch die Nacht ..“ bewarb und sie mir das Angebot machten, wenn ich denn mit einer fertigen Kombination käme, würde ich den Job kriegen. Und ich kannte John und wusste, dass er total auf Franka abfährt. Die hat dann zwei Monate später auch zugesagt.

FM: Andere passen da jedenfalls von der Haltung her auf den ersten Blick schlüssiger zusammen, wie Fred Williamson und Franco Nero.

Hasko Baumann: Ja gut, das war jetzt natürlich auch ein ganz privates Wunschkonzert, auf das ich mir auch noch Enzo (Castellari, die Red.) und die (Barbara, die Red.) Bouchet draufgepackt habe.

FM: Euer Konzept scheint sich ja im Laufe der Zeit etwas geändert zu haben: Die ganz krassen Gegensätze innerhalb der Paarungen sind etwas milder geworden.

Hasko Baumann: Am Anfang stand bei „Durch die Nacht …“ der Gedanke des Interdisziplinären im Vordergrund. Die zwei Künstler sollten unbedingt aus verschiedenen Bereichen kommen. Das ist manchmal spannend, aber manchmal haben die beiden sich dann einfach nicht viel zu sagen. Deswegen sind wir bald von dieser strengen Regel abgewichen.
Anfangs war es etwas diffiziler, bestimmte Paarungen beim Sender durchzubekommen, aber nach dem Grimme-Preis und verschiedenen sehr erfolgreichen Sendungen, die in der Planung noch auf Gegenwind gestoßen sind, vertraut man uns mehr. Ohne den zuständigen, experimentierfreudigen ARTE-Redakteur wäre es aber sicher anders.

FM: Nach welchen Gesichtspunkten stellt ihr denn die Paarungen zusammen?

Hasko Baumann: Unser Gesichtspunkt bei der Auswahl hat sich ein wenig verschoben. Wir haben früher oft gefragt: Wen würden wir einfach gern zusammen sehen, oder eben auch - wer will wen treffen? Gerade letzteres ist nicht immer eine Garantie für eine gute Sendung. Natürlich muss möglichst gewährleistet sein, dass die Künstler Lust aufeinander haben, aber nur ihren Wünschen nachzukommen, verhindert oft die Reibung in der Sendung. Aber man kann das nicht verallgemeinern. Letzten Endes kommt jede Sendung anders aufs Gleis. Wir haben uns aber wie gesagt seit ein paar Monaten zum Ziel gesetzt, Paarungen zu finden, die sich unter ein Thema subsumieren lassen. Ai Wei Wei und Wim Delvoye zur Documenta etwa. Das Gipfeltreffen Iran/USA zwischen Shirin Neshat und Henry Rollins. Aufstrebender Musiker trifft etablierten Star: Thomas Dybdahl und Thomas D. Grelle Sex und Horror-Inhalte: Pierre Woodman und Brian Yuzna. Oder die kommende schwule Sendung mit Rosa von Praunheim und Todd Verow. Joe Coleman und Asia Argento. Das hat sich als echter Kunstgriff erwiesen. Die letzten und die kommenden Sendungen fielen sehr gut, sehr besonders aus, was übrigens auch von der Presse und vom Publikum honoriert wird. Avantis Geschäftsführerin Edda Baumann-von Broen hatte da in der Kombinationsidee Geniestreiche wie Neshat/Rollins oder Jörg Buttgereit/Bruce LaBruce. Die Vorschläge sind so gut, dass auch die Künstler sofort verstehen, worum es geht und sich aufeinander einlassen. Bei mir waren das etwa Bastian Pastewka und Frank Plasberg oder etwa Woodman und Yuzna.

FM: Wie tretet ihr denn an die Leute ran, wenn sich eine Paarung heraus kristallisiert, und welches Mitspracherecht räumt ihr dann den potenziell Beteiligten ein, auch bei der Auswahl der Location?

Hasko Baumann: Na ja, wir fragen die Leute an. Meistens läuft es über die Agentur, oft über Galerien oder Produktions- und Plattenfirmen. Manchmal hat man schon einen direkten Kontakt, so wie ich etwa bei Yuzna, John Carpenter oder Jörg (Buttgereit, die Red.). Die Schwierigkeit ist dann die Terminplanung, an der auch schon einige hochkarätige Paarungen gescheitert sind. Bei Hollywoodstars scheitern wir eh am Management, weil die einfach keinen Mehrwert in der Sache sehen. Ich glaube, jemand wie beispielsweise George Clooney würde die Sendung aus Bock sogar machen, wenn man ihm eine interessante Person, vielleicht eher mit politischen Inhalten, zur Seite stellt. Aber die Anfragen werden ihn direkt nie erreichen. Das Mitspracherecht ist natürlich sehr groß. Alle Vorschläge stimmen wir mit den Künstlern ab und berücksichtigen soweit möglich ihre Location-Ideen. Wir möchten ja schon, dass sich die beiden grundsätzlich wohl fühlen. Dann sind sie auch eher bereit, hier und da etwas zu riskieren.

FM: Wie bereitest du den eigentlichen Dreh dann vor?

Hasko Baumann: Zwei Tage vorm eigentlichen Dreh komme ich mit meiner Crew an, um die ausgewählten Locations anzusehen. So bald wie möglich fertigt man einen realistischen Plan an. "Durch die Nacht" ist vor allem Planung. Weil die Idee der Sendung das Spontane der Protagonisten ist, muss der Rahmen 100 Prozent wasserdicht sein, in dem sie sich bewegen. Als Regisseur habe ich das mit meinen Producern zu planen und versuche, mit meinen zwei Kameramännern visuelle Ideen zu entwickeln und einen zur Paarung passenden Stil zu finden. Natürlich lässt sich das bei dem pausenlosen Gedrehe voller Überraschungen nicht immer umsetzen. Daher ist der Schnitt - wahrscheinlich der wichtigste Schritt bei „Durch die Nacht …“ - für uns Filmemacher die zweite große Herausforderung.

FM: Du sagtest ja gerade, dass es trotz minutiöser Planung gerne mal zu Überraschungen kommt. Wahrscheinlich zumeist unangenehme, oder?

Hasko Baumann: Ja, aber das sind meistens organisatorische Dinge, die es dann von den Protagonisten fernzuhalten gilt. Das sind natürlich ausgesprochen stressige Momente. Wenn Franco Nero und Fred Williamson in einem Buchladen schon etwas zu lange auf Frau Bouchet warten, während draußen überraschend die Limousine in Rauch aufgeht, fallen schon ein paar Schweißperlen.

FM: Was war passiert? 

Hasko Baumann: Wir hatten eine funky 70er Limousine angemietet, die uns passend erschien. Als sie mit Fahrer geliefert wurde, kamen auch zwei stumme Italiener in einem Van dazu. Die waren der Limo immer auf den Fersen. Tatsächlich waren sie einzig und allein für den Fall da, dass irgendwas mit der Karre schief geht. Sowas schafft natürlich Vertrauen. Tja, und dann ging der Wagen ja auch tatsächlich in Rauch auf. Die beiden Typen haben dann auf offener Straße den Kühler ausgebaut. Kurz vor der Rückkehr von Franco und Fred lief das Teil dann wieder. Noch schlimmer ist es aber, wenn die Künstler auf dies oder jenes plötzlich doch keine Lust mehr haben - das passiert aber viel seltener, als man denkt. 

FM: Was war denn aus der Rückschau heraus die anstrengendste Paarung, die du bisher realisiert hast? 

Hasko Baumann: Das war auf jeden Fall die Folge mit Calixto Bieito und Michel Houellebecq in Barcelona. Da bin ich wirklich verzweifelt. Die Verweigerung Houellebecqs der Sendung und seinem Bewunderer Bieito gegenüber hat uns alle fertig gemacht, besonders Bieito. Das Ding ist gegen Ende völlig aus dem Ruder gelaufen. Mein Editor Martin Eberle und ich haben uns dann entschieden, das Ganze nicht zu beschönigen. Ich würde sagen, das ist meine beste Folge geworden. Sie ist halt nur sehr anstrengend anzuschauen.

FM: Wie hoch ist deiner Erfahrung nach generell das potenzielle Konfliktpotenzial während des Drehs?

Hasko Baumann: Eigentlich gibt sich niemand die Blöße, sich gegenseitig anzugehen. Da wird sich dann stattdessen lieber gegen uns hinter der Kamera verbündet, was extrem nervt, oder aber einer macht einfach gar nichts mehr. Ich bin aber auch nach fast zwanzig Folgen, die ich gemacht habe, immer noch sehr nervös während der ersten halben Stunde. Ob die zwei klar kommen, das steht dann im Raume...

FM: Ich kann mir vorstellen, dass es gerade bei Jungs wie beispielsweise Nero und Williamson, die sich offensichtlich gegenseitig gern die Größe ihrer Schwänze vorführen, schon mal kracht im Gebälk. Wie entschärft ihr kritische Situationen?

Hasko Baumann: Nero und Williamson sind viel zu professionell, um sich das anmerken zu lassen. Und die beiden haben sich auch am nächsten Abend privat wiedergesehen, was ich sehr erfreulich fand. Man täuscht sich da manchmal. Ich dachte auch, da wären größere Animositäten am Start. Ich glaube, jeder von uns, der beim Dreh schon mal gegen eine Wand gelaufen ist, versucht, den Konflikt zu deeskalieren. Zu diesem Zweck habe ich dann auch schon verschiedentlich die eine oder andere Location kurzfristig kippen müssen. Die bekannteste prekäre Situation aus „Durch die Nacht…“ ist wahrscheinlich die, die ich mit Markus Lüpertz und den angeblichen Weinflecken in der Limousine hatte - aber die ist vor allem deshalb bekannt, weil ich sie in den Film geschnitten habe. Meine Kollegen hatten bei ihren Drehs auch schon ein paar heikle Momente mit aufgeheizten Egos, um die ich sie wahrlich nicht beneide...

FM: Kannst du schon mal den Vorhang etwas lüften und verraten, worauf wir uns hier für dieses Jahr freuen können?

Hasko Baumann: Im Januar wird die sehr spezielle Begegnung von Zaha Hadid und Michael Schindhelm in der reizvollen Kulisse von Dubai zu sehen sein. Im Februar sind es Joy Denalane und Michael Michalsky im Berlin. Dann kommen zwei neue Folgen von mir: Im März Alec Empire und Robert Stadlober in Wien - was, wie ich finde, sehr amüsant geworden ist - und im April dann die Folge mit Rosa von Praunheim und Todd Verow. Wenn alles gut geht, drehe ich im Februar in Paris eine der bislang abgefahrensten Paarungen: Dirk von Lotzow (Tocotronic) und Amanda Lear. Übrigens haben wir einen neuen Sendeplatz: Immer den ersten Donnerstag im Monat und auch etwas früher als bisher.

FM: Back to the Roots sozusagen: Du erwähntest bereits deine erste Doku „Screen Terror“. Die scheint ja jetzt nach gut sieben Jahren bereit zu sein für den Zieleinlauf. Unter neuem Titel und neuer Regisseurin (Anmerkung der Red.: Science of Horror – Wenn die Kettensäge zum Penis wird). Warum hast du das Projekt aus der Hand gegeben, das dir ja, wenn ich dich richtig einschätze, eine Herzensangelegenheit war, und wie ist der Stand der Dinge?

Hasko Baumann: Der Produzent und ich haben uns damals überworfen, aber das ist keine Geschichte, die ich hier ausbreiten möchte. Ich habe vor einigen Wochen den fast fertigen Film sehen dürfen, und natürlich zwiebelt es ganz schön, wenn man sein eigenes Material so verwertet vor sich sieht. Aber Produzent Thomas Janze und seine Regisseurin Katharina Klewinghaus haben auch neue Sachen gedreht und einen ganz anderen Ansatz gewählt als ich. Das, was ich damals wollte, wäre heute gar nicht mehr zeitgemäß. Horror war im Jahr 2000 noch das Allerletzte. Alles hatte den Anstrich des Ruchbaren und Verbotenen. Als "Screen Terror" wäre die Doku auf jeden Fall ein ziemlich grober Klopper geworden. Der neue Film ist feinsinniger: Es geht um die Rollen der Geschlechter im Horrorfilm. Da kommen eben auch viele amerikanische Theoretiker zu Wort. Was nicht heißt, die Doku hätte keinen Saft. Janze konnte sogar Mike Patton dazu überzeugen, Fantômas' "Delirium Cordia" als Filmmusik zur Verfügung zu stellen. Ich bin gespannt, wie die Leute auf den Film reagieren werden. Ich hatte ja damals so eine Art Who Is Who des 70er und 80er-Horrorfilms zusammengetrommelt. In der jetzigen Fassung sieht man nur noch Craven, Campbell, Carpenter, Kaufman, Yuzna und Combs. Dafür bekommt man aber Rachel Talalay und vor allem Neil Marshall oben drauf! Vielleicht kann man ja aus dem Rest noch einen zweiten Film machen. Mit Deodato, Hess, Kurtzman, Coscarelli, Scrimm, Bradley, Lustig und so weiter. Oder eine Bestandsaufnahme "Deutscher Amateurhorror damals und heute". Das würde mir Spaß machen. Wenn die neue Doku jetzt ein Hit wird, fühle ich mich dennoch irgendwie beteiligt... hab ja schließlich auch `nen Credit!

FM: Hm, hört sich ja wirklich schwer geglättet und in eher akademisches Fahrwasser überführt an, während der „Screenterror“ auf mich wie mit Fanblut geschrieben wirkte.

Hasko Baumann: Glatt würde ich nicht sagen. Da ist schon noch einiges für die Fans drin. Mir ging es halt damals eher darum, die Tür zu all diesen verbotenen Dingen aufzusperren und sich zu fragen - wer macht das? Wer sieht sich das an? Warum sieht man sich das an? Wo sind die Ambivalenzen? In Teilen ist das jetzt auch noch drin. Aber es geht schon um die Geschlechterrollen, weswegen der Slogan "The Chainsaw is the Penis" wohl in irgendeiner Form den neuen Titel schmücken wird.

FM: Na ja, geben wir dem neuen Film also eine Chance, obwohl mich natürlich auch die Verkostung deines köchelnden Resteeintopfes neugierig macht. Was hast du denn noch für Projekte laufen neben der „Durch die Nacht …“- Reihe?

Hasko Baumann: Für mich ist nach der ARTE-Ausstahlung und den weltweiten Festivaleinsätzen gerade erst meine Zeit mit "Moebius Redux" (ein Film über den grandiosen Comiczeichner Moebius, die Red.) zu Ende gegangen. Das war alles schon sehr abenteuerlich. Jetzt mache ich erst einmal, wie es aussieht, bei ARTEs Kulturmagazin "Metropolis" mit. Aber ich möchte schon dieses Jahr noch eine neue Doku anfangen. Das könnte ein Film über mein Steckenpferd, den italienischen Polizeireißer, sein oder aber ein Ding, über das ich noch nicht sprechen möchte, aber ganz klar die Augen der meisten B-Filmfans zum Glühen bringen wird. Und ich möchte mal den Fuß ins kalte Fiction-Wasser halten und neben meiner täglichen Arbeit einen Kurzfilm machen. Natürlich mit genrespezifischen Inhalten. Aber in Frankreich auf französisch gedreht! Wenn schon neben der Spur, dann richtig.

FM: Das macht neugierig ... wir sprechen uns!

Zum ersten Teil des Gesprächs...

Zum ersten Teil des Gesprächs...